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Interkulturelle Immobilien-Kommunikation II

18. Mai 2020 von Marie-Noëlle Sbresny in Real Communication

Was für den Deutschen wie Zeitverschwendung anmutet, ist für den Angelsachsen gutes Beziehungsmanagement.

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Interkulturelle Immobilien-Kommunikation II

Interkulturelle Immobilien-Kommunikation II: German efficiency

Abgesehen von sprachlichen und stilistischen Barrieren in der internationalen Immobilienkommunikation (s. Teil I der Reihe: Lost in Translation), gibt es auch unterschiedliche Herangehensweisen im direkten Umgang mit den Medien.

Augenöffner durch Perspektivwechsel

Bevor ich auf die Beraterseite wechselte war ich einige Jahre als Immobilienjournalistin für ein englischsprachiges Fachmagazin tätig. Meist berichtete ich aus der DACH-Region, ab und zu galt es aber auch internationale Meldung zu bearbeiten. Ich bekam des Öfteren Anrufe von Pressesprecher:innen und Agenturen aus den USA oder dem Vereinigten Königreich.

Die liefen in etwa so ab:
„Did you get our press release?”
„Yes.”
„Is there any further background information we can provide you with?”
„Not right this moment. I’ll give you a call when I have questions.”

Diese Anrufe ließen mich immer etwas ungehalten zurück. Soll ich jetzt alles stehen und liegen lassen und mir diese Meldung anschauen? Glauben die, ich habe hier gerade keine dringenderen News auf dem Tisch? Warum stehlen die meine Zeit?

Was hinter diesen Anrufen steckt, erfuhr ich erst mit dem Wechsel auf die Beratungsseite, durch die Zusammenarbeit mit einer britischen Agentur. Die Kolleg:innen fragten mich nach Versand einer Pressemitteilung, mit welchen Journalist:innen ich im Anschluss telefoniert hätte. Mir wurden zudem zusätzliche Hintergrundinformationen zum Deal zugesendet, die ich für weitere Gespräche mitnehmen könnte. Wir hatten dann erst mal ein klärendes Gespräch über unterschiedliche Herangehensweisen bei der Ansprache der Medien.

Effizienz vs. Beziehung

Weder deutsche Pressesprecher:innen noch Agenturmitarbeiter:innen haben drei bis fünf Anrufe bei den wichtigsten Zielmedien im Anschluss an den Versand einer Pressemeldung im Zeitbudget. Von den Angerufenen auf der Medienseite mal ganz abgesehen. Man stelle sich das vor: Bei jeder größeren Transaktion, zum Quartalsende, beim Wechsel des CEOs … klingelt das Telefon. Die Immobilienbranche ist überschaubar, aber der Aufwand pro Meldung würde enorm steigen.

Was für den Deutschen wie Zeitverschwendung anmutet, ist für den Angelsachsen allerdings gutes Beziehungsmanagement. Der Austausch mit den Medien ist intensiver und persönlicher. So können beispielsweise gefragte Themen früh identifiziert werden, oder auf der Basis einer solchen Vertrauensposition brisante Hintergründe besprochen werden, um Neuigkeiten besser einordnen zu können. Diese Art belastbarer Kontakte gibt es natürlich auch in Deutschland, aber sie werden in anderen Ländern durchaus intensiver gepflegt.

Wer bekommt den Wissensvorsprung?

Eine weitere Sache des kulturellen Blickwinkels ist die genannte Lieferung von Hintergrundinformationen an ganz bestimmte Medien und damit den gleichzeitigen Ausschluss anderer (ausgenommen hier natürlich das Prinzip der Exklusivität, also die Lieferung einer Story mit allen Details vorab an ein bestimmtes Medium).

In Deutschland ist es absolut unüblich, wichtige Informationen in der Pressemeldung auszulassen. Denn das würde bedeuten, dass man den Journalist:innen unnötig Recherchearbeit für eigentlich verfügbare Details aufbürdet. Als ich meinen britischen Agenturkontakt fragte, wie ich das Vorenthalten von Informationen hier klarmachen sollte, war die Antwort einfach: „No explanation needed. They should have called you, shouldn’t they?“ So erklärt sich auch, dass die Medienmacher in den USA und im Vereinigten Königreich das „Goodie“ des Anrufs durchaus schätzen.

Im nächsten Teil der Reihe bauen wir Brücken bei unseren Mandanten.

Bildquelle: unsplash.com
Urheber: Quino Al